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Traumatisierende Erlebnisse
Wenn „einfach mal darüber reden" zu wenig istů

Biologische Abläufe stellen dem Menschen zwei verschiedene, jedoch miteinander verbundene Kreisläufe während und nach einer Bedrohungssituation zur Verfügung.

1. Kreislauf (bestmöglicher Verlauf)

Die Erregung führt zur Wachsamkeit und hoher Lösungsorientierung. Psychologisch spiegelt sich der Prozess in einer Stärkung des Selbstbewusstseins und des Kompetenzgefühls wieder. Eine psychische Erschütterung wird optimal bewältigt und in die Lebensgeschichte integriert.

2. Kreislauf (nachteiliger Verlauf)

Kann der betroffene Mensch weder kämpfen noch fliehen, bleibt er in einer hilflosen Situation gefangen. Ein ständiges Anspannungsgefühl, Übererregung, diffuse oder spezielle Angst können sich als Folgen oder Begleiterscheinungen einstellen. Erschwerend kommt hinzu, dass vielen betroffenen Menschen die Begrifflichkeiten fehlen, das "Unsagbare" in Worte zu fassen. Eine weitere Belastung, und sei sie noch so klein, kann kaum getragen werden. Durch Erinnerungen und Gefühle können jederzeit intensive Zustände von Übererregung, totalem Hilflosigkeitserleben und unkontrollierbarem Neuerleben ausgelöst werden.

Zwei Bereiche des Gehirns haben auf diese unzureichende Verarbeitung einer schweren seelischen Erschütterung großen Einfluss.

  1. Die Amygdala ("Mandelkern") ist eine beidseitig angelegte Hirnregion. Der Name leitet sich von ihrer mandelförmigen Form ab. Sie befindet sich im Schläfenlappen des Großhirns.

  2. Der Hippocampus ("Seepferdchen") iist ebenfalls eine im Schläfenlappen des Großhirns gelegene Hirnregion. Der Name leitet sich von einem Meeresungeheuer ab, dessen vordere Hälfte ein Pferd, der hintere Teil ein Fisch ist. Die Form des Hippocampus ähnelt den Flossen dieses sagenhaften Ungeheuers.

Die Amygdala ist unter anderem dafür zuständig, Emotionen und Reaktionen auf besonders gefühlsintensive Erlebnisse zu verarbeiten und ihre Speicherung zu ermöglichen. Sie ist entwicklungsgeschichtlich eine sehr alte Hirnstruktur, die ganz ohne Sprache und Bewusstsein funktioniert.
Alles, was in diesem Zentrum entsteht und gespeichert wird, muss erst mühsam mit dem Sprachzentrum der linken Gehirnhälfte zusammengebracht werden. Alltägliche Geräusche, Gerüche und optische Wahrnehmungen können Erinnerungen an die schwere seelische Belastung wachrufen. Das hat zur Folge, dass die Amygdala unweigerlich Alarm schlägt. Augenblicklich wird eine körperliche Stressreaktion ausgelöst, ob es in der Situation Sinn macht oder nicht.
Charakteristisch sind immer wieder auftretende Erinnerungen an das Ereignis, die mit einem intensiven gefühlsmäßigen "Wiedererleben" einhergehen. Durch die mangelnde "Versprachlichung" des Erlebten ist es den Betroffenen kaum möglich, das Geschehene in Worte zu fassen.

Der Hippocampus ist unter anderem dafür zuständig, Erlebnisse unserer individuellen Lebensgeschichte in einen zeitlichen Zusammenhang zu setzen. Damit wird uns der Ablauf des Geschehens verständlich. Soweit bisher bekannt ist, werden während einer traumatisierenden Situation Hormone ausgeschüttet, welche die Aktivität des Hippocampus unterdrücken. Folglich kann das Geschehene nicht ausreichend verarbeitet und in einen entsprechenden Zeitrahmen gestellt werden.
Dies führt dazu, dass es weiterhin in der Gegenwart verankert bleibt, so als würde es im jeweiligen Augenblick noch einmal stattfinden.

Erschöpfung, Krankheit und Situationen des Alltags können eine Aktivierung des "Traumanetzwerkes" mit den dazugehörigen Symptomen auslösen. Der menschliche Körper reagiert "normal" auf ein "unnormales" Erlebnis.

Statt "einfach mal darüber reden" kommen in der Traumaberatung die vielfältigen Ansätze und Arbeitsweisen der modernen Psychotraumatologie zum Einsatz.
Professionelle Stabilisierungstechniken unterstützen die individuelle Bewältigung des Erlebten und haben das Ziel, eine verbesserte Lebensqualität zu erreichen.